Phil, Schüler

 

Phil ist ein großartiger Mensch. Er ist witzig. Er ist lebensfroh. Er ist charmant. Er ist hilfsbereit. Er ist weltoffen. Er ist liebenswert. Er ist sehr selbstständig.

 

Er ist 13. Und Schüler, seit März 2020 im On-Off-Lockdown.

 

"Mein erster Gedanke war damals "Yes, keine Schule!", erzählt mir Phil grinsend während unseres Shootings. Ich kenne ihn schon seit seinem fünften Lebensjahr. Seine Mama war erst eine Kundin, seit vielen Jahren gehört sie zu meinen engsten Freundinnen.

 

"Aber nach einiger Zeit ging´s einem schlecht. Manche Freunde und Familienmitglieder habe ich sehr lange nicht gesehen. Und Online-Schule ist echt ein anderes Lernen. Für uns alle war das neu und wir mussten uns eingewöhnen.

 

Die Aufgaben gibt es online. Anfangs war das nicht ausgereift. Mama musste erst mal die Technik organisieren. Und dann ist das Portal oft abgestürzt. Die Lehrer waren nicht zu hören. Und es war doof, denn wir haben uns ja immer reingeredet. Das geht mittlerweile besser, denn wir haben Emojis, die die Kommunikation untereinander steuern. Aber es ist immer noch so, dass wir viel weniger verstehen als sonst. Blöd ist, dass einige Lehrer die Aufgaben nicht ausreichend erklären. Und unsere Eltern kennen sie eben auch nicht. Da sind in einigen Themen und Fächern dann Lücken, die durch die Lehrer normalerweise aufgefüllt werden. Doch Online ist die Wiederholung kaum da. Da orientiert man sich an den schnellen Schülern. Die Langsameren fallen runter, finde ich."

 

Um mithalten zu können und nicht "hinten runterzufallen", sind viel Eigenmotivation, Eigenverantwortung und Selbstdisziplin notwendig. Ganz schön viel verlangt von einem jungen Menschen! Phil sei ein strukturierter Tagesablauf sehr wichtig, erzählt er mir. Am besten ohne Ablenkungen, was natürlich im eigenen Zimmer nicht so einfach ist. 

 

"Mein Zimmer ist sonst mein Ort zum Entspannen und nicht, um mehrere Stunden Schule zu machen. Der Drang ist schon stark, mich ablenken zu lassen. Zum Beispiel von meinem Handy. Manchmal stecke ich es extra in eine Schulbade oder gebe es Mama." Dabei ist sein Handy während des Lockdowns ein wichtiger Begleiter für Phil, um mit seinen Klassenkameraden und Freunden in Kontakt zu bleiben. 

 

"Mein bester Freund und ich haben sogar einen Klassen-Chat organisiert, das war witzig! Wir tauschen uns generell untereinander viel aus und da ist immer öfter das Ergebnis, dass wir nicht wissen, was unsere Lehrer da gerade von uns wollen. Ich habe das Gefühl, manche Lehrer sind von der Situation auch überfordert. Deshalb machen sie einige Aufgaben auch nicht so, dass wir sie verstehen können. Dann brauchen sie sich aber auch nicht wundern, wenn keiner am Ende die Lösung hat. Und was ich auch nicht verstehe: Wieso ist 06.30 Uhr Online-Unterricht nötig? Wenn wir das schon durchmachen müssen, wieso können wir dann nicht wenigstens etwas länger schlafen?"

 

Im Sommer gab es dann die große Erleichterung, als er wieder Freunde und Klassenkameraden treffen durfte und Schule wieder wie gewohnt üblich war. Dann wurde es wieder kälter und die Kinder standen vor neuen Herausforderungen: Unterricht mit Maske und regelmäßigem Stoßlüften, im Winter.

 

"Es ist so, mit Maske verstehst du ja auch einige nicht. Einer in unserer Klasse spricht sehr leise. Der hat mit Maske jetzt richtig Probleme. Und wieso müssen eigentlich die Kinder in der fünften und sechsten Klasse keine Masken tragen? Macht das Virus vor denen Halt oder wie? Ich verstehe nicht, wieso manches erlaubt ist und manches nicht. Und wieso manches geht und manches nicht. Und dieser komplette Lockdown für uns Schüler, der ist einfach nur komplette Scheiße! Entscheidet euch doch einmal mal und zieht das dann durch, für wirklich alle. Nicht immer dieses Hin und Her. Ich brauche meine Freunde. Ich brauche meine Klasse. Ich brauche eine Gemeinschaft. Das fehlt mir alles!"

 

Um wieder etwas mehr Normalität haben zu können, würde er es auch in Kauf nehmen, sich mehrmals wöchentlich testen zu lassen, auch "wenn das ganz schöne Schmerzen sind, wenn dir das Wattestäbchen bis ins Gehirn geschoben wird."

 

Auf die Frage, was Phil sich für die Zukunft wünscht, erhalte ich eine Antwort, die ich nicht erwartet hätte. Und die mich sehr traurig macht.

 

"Ich wünsche mir, dass ein Impfstoff für Kinder entwickelt wird. Was ist mit uns unter 16-Jährigen? Haben die uns vergessen? Ich möchte einen Impfstoff, der uns gesund macht und uns helfen kann. Ich will wieder mit den anderen spielen können, ohne Sorgen. Kinder sollten sich frei miteinander und untereinander bewegen können, ohne Angst vor der Ansteckung. Trotz Mundschutz, die Angst ist immer da. Das begleitet dich den ganzen Tag. Dabei würde ich meine Freunde so gern wieder umarmen. Aber dann frage ich mich natürlich, ob ich mich anstecke. Und wenn ich beim Spielen dann mal vergesse, auf Abstand zu gehen, ist wieder dieses ungute Gefühl da, mich anzustecken. Aber das ist immer noch besser, als allein in meinem Zimmer zu hocken.

 

Ich bin relevant.

 

Ich bin die zukünftige Generation.

Ich bin ein Kind.

 

Ich bin relevant."